Montag, 26. Januar 2015

»273«

Der Film fängt an. Englischer Untertitel. Englische Sprache. Doch ich habe keine Problem der Thematik zu folgen. Laute Schläge durchbrechen die lückenlose Stille in unserem Klassenzimmer. Es scheint so als wären alle gebannt von dem was da gerade passiert obwohl noch immer nur rabenschwarze Nacht auf dem Bildschirm zu sehen ist. Unser Thema hat mit Häuslicher Gewalt im Bezug auf den Weltgebetstag zu tun.

Mir wird schlecht. So schlecht das ich das Gefühl habe ich würde gleich an meinem Mageninhalt ersticken der sich langsam ganz von selbst einen Weg meinen Rachen hinauf bahnte. Versuche gleichmäßig weiter zu atmen. Versuche nicht zu weinen. Versuche an nichts zu denken. Blicke vollkommen leer umher und habe das Gefühl man kann mir meine Gedanken von der Stirn ablesen. 
Drücke meine Fingernägel in meinen rechten Handrücken, sodass ich irgendwas spüre. Nicht viel, aber etwas. Mehr als nichts. Aber auch nicht viel mehr. Würde am liebsten mit spitzem, silbernem Metall über meine Haut fahren, um den paar blutroten Rosen beim verlaufen nachzusehen. Aber ich tue es nicht. 

Nach 17 Minuten ist es vorbei. Aber die Flashbacks in meinem Kopf machen die Schmerzen nicht wirklich besser.
Und ich rede hier von seelischen Schmerzen. Wir bekommen drei Minuten Pause um alles zu "verarbeiten." 

T. und ich gehen eine rauchen. Kleine rauchwölkchen steigen aus der Zigarete auf die wir uns teilen. Ganz ohne Jacke stehe ich im Schneegestöber und zittere bis auf die Knochen. Doch das Zittern kommt nicht alleine von der Kälte. Mein Kreislauf ist kurz vor einem Zusammenbruch. T. Macht ihre Jacke auf und ich schiebe meine Arme in die Wärme. Ganz von selbst umarme ich sie und vergrabe meine Gesicht in ihrem Pulli und meinem Schaal. Ab und zu ziehe ich an der Zigarette und Puste Rauch in die Luftlöcher zwischen ihr und mir. 
Dann wirft sie fragen in die eiskalte Luft. "ist alles okay?" Mein Kopf schüttelt von selbst den Kopf. Auch wenn ich eigentlich nicken will, nur um nicht über all das was in mir vorgeht zu sprechen. Ich weiß nicht ob T. spürt das ich nicht reden will oder warum sie die Frage einfach in die Welt hinaus fliegen lässt. Aber dafür bin ich ihr unendlich dankbar. 

Zu allem Übel sind es noch genau 31 Tage. Einunddreissig Tage bis zu M.'s Todestag. Und dieser Tag verschluckt mich schon jetzt so sehr das ich nicht wirklich weiß wie ich es überleben soll. 
Ein Monat. Eins. Ein. Ei. E. Verschluckt. 
Das alles kommt mir noch immer so surreal vor obwohl es so unendlich schmerzt. Und Schmerz bedeutet das etwas, etwas bedeutet. Und das sie mir noch immer etwas bedeutet. Was irgendwo auch logisch ist aber ich wünschte ich könnte einfach mehr vergessen. Könnte M. einfach aus mir und meinem Gedächnis herraus löschen. Wünschte ich könnte sie einfach aus meinem Herzen rausreißen aber so einfach geht das nicht. Vermissen ist und bleibt das größte Gift. 

After all this time.. 
I still can't Forget about all the bad Things. 




Samstag, 17. Januar 2015

»272«

Grausamer Tag. 4 Stunden Erziehung. 2 Stunden Musik. Schon am Morgen ging es mir nicht so gut und das alles wurde einfach nicht besser. Je näher sich der Schultag dem Ende zuneigt, desto schlimmer geht es mir. Mein Kopf spielt immer wieder alte Taten von ihr, in seinem Kopf ab. Mom. Bin dieses Wochenende bei ihr. Nach 4 Wochen zum ersten Mal. 3 Tage lang. Als wir dann die Noten besprochen haben und gehen dürfen hänge ich in der Schule im "Hof" drinnen auf der Coutch. Übelkeit. Kopfschmerzen. Bauchschmerzen. Alles dabei mit einer großen Portion Angst. Riesengroße Angst. 

Mein Kopf liegt versteckt unter meinen Haaren auf T.'s Beinen. Will nicht von hier weg. Will nicht zu Mom. 

"Lenaii ich mir Sorgen um dich machen!" sagt sie während sie mir einen Traubenzucker in den Mund steckt. 
Mein Bauch ist leer und beginnt zu rebellieren als der Zucker in ihm aufquillt und sich an mir festklebt. Kurz darauf folgt ein großer Schluck Cola. Definitiv alles nicht das richtige. Gegen diese Schmerzen hilft kein Essen. Ganz im Gegenteil, das macht es nur noch schlimmer. Denn essen macht wach. Es zieht einen aus dieser Trance raus die ich brauche um die Zeit bei ihr durch zu stehen. Nicht umsonst habe ich Monatelang von so gut wie nichts gelebt. Einfach aus einem Grund. 
Es macht taub. 

"Ich muss heute zu meiner Mom." sage ich ihr durch meine Haare hindurch.
"Du deswegen Bauchschmerzen haben?" fragt sie.
"Ich will da nicht hin." erwiedere ich und dann ist es eine ganze Weile still.

Seit ich nicht mehr bei Mom wohne kann ich sie weniger gut einschätzen. Früher wusste ich immer wenn sie kurz vor einem neuen Ausraster stand und somit konnte ich mich zumindestens etwas darauf vorbereiten. Aber seit ich weg bin, scheint mir diese Fähigkeit abhanden gekommen zu sein und das macht mich nur noch um so verletzlicher und erst recht angreifbar. 

Nachdem ich auf zitternden Knien nach drausen gelaufen bin um eine Zigarette zu rauchen, führen wir das Gespräch im Bus fort. 

"Aber du musst da doch nicht hin, wenn du nicht willst.." sagt T. unbestimmt.
"Aber sie hat irgendwie  einen Anspruch darauf mich zu sehen!" sage ich (oder mich zu zerstören - denke ich.)

"Ich will dich da so garnicht hinlassen!!" sagt T. und sucht in ihrer Tasche nach etwas. Kurz darauf holt sie eine kleine Stoff - Eule aus ihrer Tasche, die ich ihr geschenkt habe. Mit den Worten "Die kannst du ganz viel Knuddeln und die passt auf dich auf!" reicht sie mir die Eule und ich versuche ein gezwungenes Lächeln über meine Lippen huschen zu lassen. Ich weiß nicht ob es mir gelingt aber die Geste ist auf jedenfall unendlich lieb von ihr. Ich bin so dankbar dafür das ich eine so wundervolle beste Freundin wie T. (Und A.) habe! Danke liebes Schicksal! ❤️

Um kurz nach 4 komme ich bei Mom an. 
Allein in den ersten 10 Minuten durchbrechen unendlich viele Worte die Stille. Kein eines stammt von mir. 
Sie sagt mir nicht einmal mehr Hallo. Sie fängt einfach gleich damit an das ich ein wertloses Stück Scheisse bin und das ich eine schlechte Tochter bin weil ich sie einfach so alleine gelassen habe und sie in den Ruin stürzten will. Sie wirft mir vor das ich ein grausamer und schlechter Mensch bin und wie ich ihr das alles nur antun könnte.

Versuche all das zu ignorieren aber so richtig gelingt es mir nicht. Um ehrlich zu sein - überhauptnicht. 

Für den Moment will ich einfach nur sterben. Will dieses Leben nicht mehr. Will es wegwerfen. Will mir das alles nicht mehr antun müssen, weil es mich jedes Mal auf's neue komplett in Trümmern zerlegt. 

Ich hab mir immer gesagt das sie mich nicht brechen kann aber das stimmt nicht. Es hat nie gestimmt. Denn sie hat es schon wieder getan. 







Freitag, 9. Januar 2015

»271«

Die Woche nähert sich dem Ende zu. Die letzten paar Tage bevor der ganz normale Wahnsinn wieder losgeht. Aber um ehrlich zu sein fehlt mir die Schule. Mir fehlt es vertraute Gesichter, jeden Tag um mich herum zu haben. Mir fehlt es irgendetwas sinnvolles zu tun. Auch wenn ich eigentlich noch so viel zu tun hätte. Muss Nächte Woche eine Präsentation halten und habe bisher vielleicht, um ehrlich zu sein vielleicht 2% erledigt. 

Schon wieder neun Tage des neuen Jahres sind rum und ich habe das Gefühl nichts hat sich verändert auch wenn sich irgendwie so vieles verändert hat. 

Mir selbst geht es jetzt gerade irgendwie nicht so gut. Ich schlafe wieder schlechter, rede wieder weniger und esse wieder zu wenig oder zu viel von den falschen Sachen. Wenigstens habe ich mich noch immer nicht übergeben auch wenn ich in den letzten Tagen mehrmals zur Toilette genannt bin und schon am überlegen war nicht einfach mal nach zu geben. 



Noch dazu mache ich mir momentan gleich um drei Personen aus meinem Umfeld Sorgen. Natürlich belastet das aber ich schaffe das schon irgendwie. Auch wenn ich mir jetzt gerade vielleicht am meisten um mich selbst sorgen machen sollte sind mir die anderen nunmal einfach wichtiger. 

Und dann steht auch noch der grauenhafte Februar vor der Tür. Ich weiß nicht wie lange dieses Loch, das M. Hinterlassen hat noch in mir weiter klaffen will aber wenn diese Angst und dieses Vermissen und dieses Schuldzuweisen schon jetzt so unerträglich ist dann wäre ich wirklich froh wenn ich diesen Februar einfach überspringen könnte. Einfach aussetzten. Eine Auszeit. Einfach weg sein. Nicht denken müssen. Nicht an Sie denken müssen. Mir nicht vorstellen müssen wir sie von Maden und Würmern zerfressen wird obwohl sie früher so umwerfend war. Will mir nicht vorstellen das ihr sowieso schon abgemagerter Körper nun aus nichts mehr besteht, als aus ein paar Knochen. Kein Herz. Keine Seele. Keine Erinnerungen. Kein Atem. Nichts ist mehr von ihr übrig als eine Grabstätte und die schäbigen Überreste ihrer selbst. Und diese Vorstellung und die gesamte Situation macht mich krank. Ich bin ununterbrochen Müde. Habe das Gefühl ich kann einfach nichts mehr tun. Bin so leer. Und ich will diese Leere nicht. Will sie nicht wieder zurück. Will meine eigenen Worte nicht wieder und wieder überdenken und in Echoartiger Form durch meinen Kopf umherschwirren lassen. Will einfach nur das es aufhört. Will einfach nur das irgendwer hier ist der mich zusammenhält bevor ich zerfalle. In Tausende Einzelteile, die zu nichts mehr zu gebrauchen sind.

Das alles es ist so Abgrundtief. 
Das Wort beschreibt mein gesamtes befinden wahrscheinlich am besten.
Abgrundtief. Am Ende. Verzweifelt. Kraftlos. Leer. Durcheinander.