Freitag, 5. September 2014

»253«

Wenn man weiter oben ist, kann man umso tiefer fallen. 

Seine Worte zerschmettern an meiner Eiskalten Fassade. Sitze auf meinem Zimmerboden. Habe ein halbes Körnerbrötchen mit Frischkäse in der Hand, als Dad per FaceTime anruft. Bin kurz davor ihn weg zu drücken, weil ich am essen bin. Gehe aber dann doch ran. Unterhalten uns. Er fragt nach meinem Tag. "Habe viel geschlafen!" Antworte ich. 
"Ich dachte du wolltest in's Studio?" "Ja schon, aber das Abo läuft heute eh aus" versuche ich zu erklären. Kaue vorsichtig weiter und sehe wie er lacht. "Also werden 'wir' jetzt gleich wieder Fett!" 

Meine Gesichtszüge verrutschen auch wenn er das nur so als Spaß mit liebem Unterton gesagt hat und ich eigentlich weiß das er das nicht so meint, bleibt mir der bissen fast im Hals stecken. "Danke!" sage ich und lege auf. Renne den Tränen nah, ins Bad und übergebe mich. 

»Siehst du, wenn du so weiter machst - bist du gleich wieder bei deinem Höchstgewicht!« 
"Aber.. Irgendwas muss ich essen."
»Du musst garnichts!« 
"Aber..."
»Nichts aber. Willst du Fett werden? Willst du das dich nächste Woche in der neuen Schule alle gleich als Fett Kuh abstempelt oder dich am besten gleich wieder damit aufziehen? Willst du das ? Dann bitte, Friss nur so weiter. Los mach ruhig, aber beschwer dich nicht wenn du noch Fetter wirst!«
"..."
»Auf einmal so kleinlaut was? Ich habe dir ein paar Tage zugesehen wie du angefangen hast dich zu verunreinigen aber jetzt ist damit Schluss oder willst du morgen gleich wieder das 10 Fache auf der Waage sehen?«
"Nein!!" 
»Siehst du, also es ist doch alles ganz einfach du isst morgen einfach wieder so wie früher und alles wird wieder gut.«
"Früher habe ich fast nichts gegessen."
»Dann mach das wieder so, war doch ganz einfach und dir ging es doch gut!«
"Naja.. Ich will da aber nicht wieder hin!"
»Warum denn nicht? War es nicht schön zu sehen wie am Ende immer wieder (fast) jeden Tag weniger auf der Waage war? War das nicht gut für dich? Hat dich das nicht festgehalten?« 
"Doch schon.. Aber das ist nicht richtig!!"
»Du weißt warum dich nimand mehr will. Warum Cii sich seit Tagen nicht mehr bei dir meldet. Du weißt genau wieso sie dich nie geliebt hat!«
"Das ist nicht wahr!"
»Du weißt ich hab recht, du willst es nur nicht wahr haben!«
"Lass mich in Ruhe!"
»Wieso denn, wir unterhalten uns doch nur!«
"Geh aus meinem Kopf raus!"
»Ich bin in deinem Kopf. Ich bin du. Du bist ich. Und weil du, ich bist, ist es meine Aufgabe dafür zu Sorgen das dich jeder mögen wird. Das du neue Freunde findest und das du gut in der Schule bist. Es ist meine Aufgabe deinen Kopf frei von allem außer deinem Lernstoff zu halten, damit deine Noten gut sind. Es ist..«
"Sei leise, bitte.."
»..meine Aufgabe dafür zu Sorgen das du schön bist! Wir kriegen das schon hin!«

Am Morgen aufgewacht. Aufgeräumt. Briefe verschickt und um 12 Uhr los zur Thera. 
Weiß nicht über was ich reden soll. Wieder Lügen? Sagen das es mir gut geht. Das alles okay ist? Weiß nicht wo ich anfangen und wo ich aufhören soll. Und das in jeder Hinsicht, schon seit Jahren nicht. Kenne keine Grenzen, weil mir nie jemand welche Aufgestellt hat. Die Sekretärin lächelt freundlich als ich, zwei Stunden später zur Tür herein gestolpert komme. ''Hallo'' spreche ich ihr freundlich zu und lächle. ''Ich gebe ihr bescheid das sie da sind!'' Wie immer nehme ich auf den Selben Stühlen Platz. Ein Großer alter Holzstuhl mit weichem Stoff bezogen. Dunkelgrün. Ich mag dunkelgrün nicht. Händeschütteln. Sie zuckt zusammen, weil meine Hand Eiskalt ist. Wir lachen. Der Herbst bringt jedes Jahr die altbekannten Eiskalten Hände zustande. Ihr habt richtig gehört ich bin mittlerweile vollkommen im Herbst Modus. Laufe mit Strickpulli, Parka und tiefschwarzem Loopschaal umher und bringe das Laub unter meinen Füßen zum rascheln. Setze mich im Raum auf meinen Platz. Sie schaut mich erwartungsvoll an, ich schweige. Gequatsche über die Schule. Über meine Zukunftsangst. Über mich. Über Dad. Über Oma. Selbst über Mom verliere ich ein paar Worte. Als wir eine Kurze Pause machen, weil ich etwas Trinken will fragt sie mich etwas. 


''Du hast abgenommen oder?'' 

Nicht die auch noch, denke ich. ''Ja etwas..'' Auf einmal beginnt sie mich Sachen über mein Gewicht usw. zu fragen und wie viel ich abgenommen habe und wie schnell und durch was und das überfordert mich unheimlich. Zum ersten mal kommen wir meinem eigentlichen Problem verdammt nah. Bekomme angst. Lüge bei manchen Sachen. Sage aber auch die Wahrheit. Es ist eine Mischung aus ''Sie würde mir eh nie glauben wenn ich ihr sagen würde das Essen mein größtes Problem ist.'' und ''Ich bin Fett, niemad glaub das ich auch nur in entferntester Weiße Krank bin. - Nicht auf diese Weiße.'' 

Was dann passiert ist interessant. Sie warnt mich. Sie warnt mich vor etwas, in dem ich schon so tief drinstecke, dass es mir immer wieder den Atem raubt. Irgendwann erzähle ich ihr von einem Tagebucheintrag. 

"Liebes Tagebuch, 
Heute ist Montag und zwar der 22.2.2008.
Mami schaut Skispringen.
Ich habe mich kurz verkrochen. 
Vom 10.2 bis zum 22.2 habr ich 4kg abgenommen.
Aber es isz immernoch zu viel sooooooooon Mist!
Bis demnächst Tagebuch,
deine Lena"

Natürlich wandele ich das ganze ein wenig ab. Man muss ihr ja nicht gleich auf die Nase Binden, das ich damals schon viel zu krank gedacht habe. Erzähle ihr das ich es schade finde, das mich mein Gewicht schon als Kind so sehr eingeschränkt hat. Das die kleine Lena damals eigentlich doch auch nur geliebt werden wollte. Das sie einfach nur einmal akzeptiert werden wollte. Möchte ganz schnell weg aus dieser Situation. Will weg von diesem Thema. Will einfach weg. Stattdessen sitze ich da und bin kurz vor einem Zusammenbruch. Tränen stauen sich auf und ich schaue sie nicht mehr an, als sie auf mich eintextet. Die Worte Prallen an mir ab und erreichen nicht mal meinen Gehörgang. Alles rauscht. Bin weg. Habe mich verloren, irgendwo zwischen Vergangenheit und Gegenwart. ''Hörst du mich? Hallo, Lena?'' fragt sie mich mehrmals. War wohl etwas zu offensichtlich, das ich ihr nicht mehr folgen kann. ''Wo bist du gerade?''
Also fange ich erneut damit an das ich schreckliche Angst vor der Kommenden  Woche habe und das ich will, das alle mich mögen und das wir uns verstehen. Das sie mich so nehmen wie ich bin und das alles einfach wird. Doch in wirklichkeit bin ich so viel weit weg. Verschollen. Irgendwo im Nirgendwo. Nach einer weiteren Weile gerede und geschweige verabschieden wir uns. Auf dem Weg zum Bus platzt mir fast mein Trommelfell. Aber so muss dass sein. Im Bus fange ich an zu denken und zu weinen und ich will einfach nur weg von diesem Ort. 

Eine Halbe Stunde vergeht in der ich am Bahnhof auf den nächsten Bus warte. Zuhause angekommen schmeiße ich meine Sachen auf den Boden, räumen mein Zimmer teilweise auf und lege mich auf mein Bett. Fast eine Stunde lang schaue ich mir meine Zimmerdecke an. Studiere die feinen Risse, die sie hat und das Licht, dass durch den Rolladen dringt und kleine Lichtpunkte hinterlässt. 

Und jetzt? Haben wir 00:03 und ich bin wach und todmüde. Habe genau 400ml getrunken und 0 Kalorien zu mir genommen und so viel Wasser aus mir raus geheult das ich mich frage, wie es sein kann das immer noch ab und an ein paar Tränen ihren weg aus mir heraus finden. Will einfach nur schlafen. Aber kann nicht. 

Mein Leben ist ein Scheiterhaufen. Irgendwann ist auch das letzte bisschen abgebrannt. Der Rauch verzieht sich und nichts ist mehr übrig. Leben? Was rede ich denn da? Was heißt das denn schon? 
Bin so durcheinander. Kann mal jemand das Chaos in meinem Kopf sortieren? Vergangenheit. Zukunft. Gegenwart. Alles verschmilzt zu einer Tiefschwarzen Mischung aus Angst. Und sie erstickt mich. 


Kommentare:

  1. Genau solche Tagebucheinträge habe ich auch geschrieben. Ich war erschrocken als ich sie mir mal durchgelesen habe.
    ''ich wollte nur geliebt werden'.. wir schreien nach Liebe.

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  2. Auch, wenn man solch Worte nur als Witz benutzt, als Spaß, irgendwo tun auch Witze unheimlich weh. Weiß er nicht, da du Probleme mit dem Essen hast? Weiß er nicht was er damit anrichtet?
    Ich kann das nicht verstehen, auch, wenn ich es selbst jahrelang hinterfragt habe, wieso mein Vater so ist. Bloß hat er es nicht aus Spaß gesagt. Aber das macht am Ende sowieso keinen Unterschied.

    Und deine Einträge.
    Ich kenne das.
    Man erschreckt sich, was man selbst als 'kleines Kind' schon gedacht hat. Eigentlich hatte man da schon keine Kindheit mehr...

    Fühle dich gedrückt.

    Liebste Grüße,
    Schneewitchen

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  3. Auch ich kenne diese Tagebucheinträge nur zu gut... Aber du hast schon mal einen kleinen Anfang, gut dass du wenigstens ansatzweise mit deiner Therapeutin darüber geredet hast! Wir müssen einfach immer wieder gegen diese verdammte Stimme ankämpfen und sie schließlich ganz bekämpfen.
    Es drückt dich aus dem schönen Hamburg,
    Lucy <3

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  4. Hay, ja, ich bin in Therapie, aber nur selten. Die Therapeutin fragt nur nach, wann ich in die Klinik gehe & sieht es als aussichtslos das es ambulant eine Möglichkeit gibt, das es mir irgendwie mal besser geht. Tolle Hoffnung -.-'

    Wieso hast du deinem Papa nie davon erzählt, das du ein Problem mit dem Essen hast? Du schriebt, dann würde er sowas nicht sagen. Vielleicht ist es jetzt die Chance ihm zu erklären was mit dir los ist. Weißt du ? :)


    Liebste Grüße,
    Schneewittchen ♥

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  5. herz an dich und liebe an deine worte. Ich danke dir.

    Ich wünschte ich könnte dir helfen dein haufen wieder
    aufzubauen. Ich kann es nicht. Aber ich glaube daran das du das packst ,
    halt duch.

    <3

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  6. Bezüglich dem vierten Bild: Wolken, Meer (Fluss), Freiheit! Liege ich da richtig? :)

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  7. Hihi (: Mega cool!. Ich bin im letzten Jahr grade. Möchte danach gerne in der Jugendhilfe arbeiten.
    Ach du mach dir keine Sorgen ;) Ich bin seit ca. 6 Jahren essgestört.
    Vielleicht sollte ich doch noch ein paar Stichpunkte zu mir veröffentlichen. ^^
    Freu mich schon mehr von dir zu hören ♥

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    1. Eins musst du mir noch sagen, wie hast du es geschafft meinen Beitrag zu kommentieren?! :D

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  8. Wenn jemand dich mit Worten verletzt, gib Rückmeldung.

    Wie geht es dir sonst, wie ist dein Leben zur Zeit?

    Gruß,
    Die Anonyme

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    1. Hallo liebste Anonyme ❤️
      Lange nichts von dir gehört,
      wie geht es dir denn?

      Ja ich sollte wirklich Rückmeldung geben aber das ist manchmal einfach so schwer! Wobei ich im Moment nicht das gefühl have ich müsste Rückmeldungen geben. Zumindest nicht bei den Leuten in der neuen Klasse! :)

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  9. Habe schon laenger nichts mehr von dir gelesen...wie geht es dir? Was machst du? Hat bei dir die Schule wieder angefangen?
    Ich wuensche dir das Beste....btw...ich habe dich getaggt.............
    abrazos
    maría

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