Montag, 4. August 2014

»244«

Der Mond scheint durch mein Fenster. Langsam aber sicher drückt er sich an den Hauswänden hinauf und hinterlässt kalte Schatten, diese wiederum durch die kleinen Zwischenräume am Fensterglas hinein springen und sich um mein Gesicht legen. Die Welt sieht von hier oben so unendlich klein aus. Fühle mich irgendwie eingesperrt. Festgekettet. 

Antriebslos schiebe ich meinen Vorhang vor die Glasscheiben um das Durchdringen des Mondlichts zu verhindern. Irgendwie vertrage ich das geliebte Licht gerade einfach nicht und doch schaue ich durch die kleinen Löcher in meinem Weißen Vorhang andauernd hinauf, nur um nebenbei zu schauen ob das Leben am Himmelszelt noch vorhanden ist. Hier unten ist es verflogen. 

Den ganzen Morgen war ich mit Oma alleine und wie sollte es auch anders sein, endet das ganze in einem riesengroßen Desaster voller Schuldgefühle mit einer Beimischung von Erleichterung. 

Gegen Nachmittag saßen wir am Esstisch und ich stach vorsichtig in ein Salatblatt das zu dem Salatkopf gehört den ich einige Zeit vorher zerrupfte. Nachdem ich das Küchenkommando für mein Wochenende beansprucht hatte fiel mir das Essen zum ersten mal nicht so schwer, das ich danach das Gefühl harte sterben zu wollen. Sonnst umgab mich dieses Gefühl immer. Jedes Mal.

Während ich also auf meinem Salat herumkaute und vergeblich versuchte etwas zu schmecken, was mir nicht gelang, fiel Oma fast vom Stuhl. Kurz darauf zieht sie schrecklich laut nach Luft während ihre Augen geschlossen bleiben. Erfüllt von Panik schreie ich nach der Exfreundin von Dad die in der Erdgeschosswohnung wohnt und Krankenschwester ist. Sie weiß bescheid weil Papa sie informiert hat und hilft mir sofort. Ein Glück sind Dad und sie mehr als Feinde. Sie sind beste Freunde und ich mag sie wirklich sehr. Während Oma nicht mehr ansprechbar ist und plötzlich aufhört zu Atmen bekomme ich neben dem Geschehen auch fast einen Herzinfarkt. Reicht es nicht schon einmal das Gefühl zu haben, das jemand in der Umgebung stirbt? Nach einer halben Minute in der sie keine Luft einzieht oder auspustet. Schüttelt sie Oma Häftling und klopft ihr auf die Wangen bis sich ihr Brustkorb wieder hebt und senkt. Ein Paar Minuten später bekommt sie wieder etwas mehr von ihrer Umgebung mit, während ich mit zittrigen Händen die Nummer ihres Hausartztes Suche. 

Gefunden, angerufen. Krankenwagen braucht 7 Minuten bis er da ist. Winke die Fahrerin und den Begleiter die Auffahrt hinauf und sprinnte wieder hinein. Fragen werden gestellt, geschehen wird geschildert, verschiedenste Dinge werden gemessen. Plötzlich gibt Oma einen komischen Laut von sich und wir schaffen es gerade noch rechtzeitig eine Schüssel unter ihr nassgeschwitztes Gesicht zu halten ehe sie sich in die Schüssel übergibt. Wieder und wieder. Auch mir wird schlecht. Der Geruch von Erbrochenem liegt in der Luft. Während ich immer mehr das Bedürfnis bekomme mich ebenfalls zu übergeben holen die Sanitäter eine Liege und verfrachten sie darauf. Von unseren Küche aus geht es unter ständigem gekotze, ihrerseits mit Blaulicht und raasendem Tacho in das Nächstliegende Krankenhaus. Dort wird sie aufgenommen, bekommt Infusionen und Kalium wird ihr zugeführt durch seinen Schlauch am Hals. Nachdem ich die ganze Zeit immer noch wie unter Strom alleine, mit ihr gemeinsam auf Ergebnisse warte, trifft so langsam der Rest unserer Familie ein und nimmt mir die erste Last ab. Nämlich die Angst. 

Mit schnellen Schritte verlasse ich den Kotzen - Liegebett - Raum und hole mir einen Becher eiskaltes Wasser. Mein Kopf kocht trotz der Abkühlung immer weiter an seiner Suppe aus Schuldgefühlen. Verfeinert sie immer wieder mit neuen Wörtern die mir schon allein bei dem Gedanken den Atem rauben. 

Am Ende liegt sie auf der Intensivstation und wird rund um die Uhr überwacht. Bis Ende der Woche muss sie mindestens bleiben. Auf der einen Seite sind wir alle froh das es ihr den Umständen entsprechend gut geht und sie nun endlich von Fachpersonal betreut und vor allem durch - gecheckt wird. Und das alles an ihrem Geburtstag. Schönes Geschenk. 

Am Abend schleppen Dad und ich uns fürchterlich erschöpft und hundeelend zurück nach Hause. Dort lege ich mich in mein Bett und bleibe einfach liegen. Starre die Decke an und versuche an nichts außer an das nichts denken, zu denken. Irgendwann kommt Dad die Treppe hoch gestapft und bringt mir etwas Tee. Dann setzt er sich zu mir und fängt ein bisschen an zu reden. Das es ihm leid tut das ich das jetzt schon zum zweiten mal miterleben muss und das er mir so etwas nie zumuten wollte und das ich vor allem aber, einfach alles richtig gemacht habe.

Ganze Vier Stunden später liege ich immer noch hier und versuche gegen ein Gefühl an zu Kämpfen, gegen das ich bisher noch nie gewonnen habe. Die Schuld - die mich eigentlich nicht trifft. 
Immer wieder Male ich mir aus was alles hätte passieren können. Stelle mir vor wie ich einen Nachruf für die Zeitung schreibe oder wie mich ein Polizist befragt wie ihr Tod eingetreten ist. Am Ende bin ich so weit in eminem Gedankengang verstrickt das ich sogar vor mir sehe wie sie nochmal Handschellen abführen weil ich sie umgebracht haben soll. 

Schon wieder ist mir nach weinen zu Mute. Wie die ganze letzte Zeit eigentlich. Vielleicht weil ich sterben immer mit etwas verbinde das mich zu viel Kraft kostet um wieder einmal darüber nach zu denken und mit meinen Gedanken darüber zu streiten. 

Morgen fahren wir sie wieder besuchen nachdem ich am Morgen einige Zeit alleine mit mir verbringen kann. Komplett alleine. Verschiedenste Teile von mir schreien mir in den Gehörgang was ich mit meiner Zeit anfangen könnte. 

"Fress dich doch mal so richtig voll und lass alles raus. Kotz dich aus, im wahrsten Sinne des Wortes." 

Andere wiederum schlagen mir vor, dass ich in der Halle etwas Tanzen könnte um meinen Kopf von dem ganzen Gedankenkram zu befreien. Danach könnte ich eine Party unter der Dusche feiern und meine Lieblingsserie weiter schauen! (Vampire Diaries - Mittlerweile Staffel 4 - No I'm Not addicted :D) Die Vorstellung gefällt mir sehr. 

Gegen 15h kommt meine Tante mit ihrer Freundin und holt mich ab, damit wir Oma besuchen können und dort stoßen wir dann auch wieder auf Dad, der vom Arbeiten direkt ins Hospital fährt. 

Es ist alles einfach ein bisschen viel für mich und ich muss das erst etwas verkraften oder verarbeiten oder keine Ahnung was ich muss. Schlafen vielleicht? 


Am Mittag erreicht mich außerdem noch etwas, das meine Verfassung nicht umbedingt fördert. Einige Nachricht von Cii, die mir das Gefühl geben doch etwas richtig gemacht zu haben in den letzten Wochen. 

Sie: "Ich beneide deinen Kampfgeist. :0"
Ich: "Wieso? :o"
Sie: "Du hast verdammt viel abgenommen :0"
Ich: "Ja ein bisschen :/"
Sie: "Ein bisschen? :0"
und Sie: "Ich bin sehr stolz auf dich ❤️"
und wieder Sie: "Hab dich lieb ❤️"

Werde geliebt weil ich abgenommen habe. Man ist stolz auf mich weil ich weniger geworden bin und trotz allem noch viel zu viel übrig bleibe. Hätt ich etwas in meinem Magen würde ich spätestens jetzt kotzen. Statt dessen bin ich kurz davor zu weinen. Kann nicht mehr stolz darauf sein weniger zu werden, wenn es mich zerstört. Mich umbringt. Mich wahnsinnig macht. Mich immer wieder quält. Seit Jahren. Kann nicht geliebt werden wegen etwas das mich schlechter macht als ich jemals war. Und trotzdem bekomme ich eine Bestätigung. Eine Bestätigung dafür, das das was ich tue doch irgendwie ein klein wenig Richtig ist. 

Gerade sehe ich zu wie der Mond immer weiter aus meinem Blickfeld wandert bevor er hinter einer Wolkenfront verschwindet. Er ist etwas mehr als halbvoll und etwas weniger als halbleer. Genau wie ich gerade. Weiß nicht was ich bin. Was ich fühlen soll. Was ich sein soll. Was ich tun soll. Will einfach nur aus mir raus, für ein paar Minuten Ruhe. Ruhe vor allem. Vor mir selbst. 



Kommentare:

  1. Hay,
    ach ich weiß auch nicht wieso es so gelaufen ist, bei der Kontrolle hieß es dann auch, das es mindestens mit 5-6 Stichen genäht hätte werden sollen. Vielleicht meinen die Ärzte das wir das schon aushalten, wenn wir uns schon selbst so schlimm verletzen, aber darauf kommen, das wr das nicht aus Spaß machen, ist ja was ganz anderes -.-'
    Wieso wurde bei dir ein ganzes Stück abgeschnitten? Klingt richtig schlimm :o
    FIES!

    Liebste grüße,
    Jacki<3

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  2. Süße, du bist so lieb!! ;*
    Ja, es geht besser. Das hat mich nur schon seit gestern beschäftigt und es musste einfach mal raus, aufgeschrieben werden.
    Normal sein... Aber was ist normal? Und eigentlich will ich doch gar nicht normal sein. Ich will nicht so sein, wie jeder andere. Ich möchte einfach nur gescheit essen können und leben. Ohne mir ständig irgendwelche Gedanken machen zu müssen...
    "Do what's good for you!" - Tja, hab ich sogar selbst geschrieben... Aber manchmal ist das eben gar nicht so einfach...
    Bitte mach dir keine Sorgen okay!! Es ist alles okay!
    Ich habe dich auch sehr sehr lieb!! ♥

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  3. Hallihallo :)
    Ich mache momentan auf meinem Blog eine kleine Blogvorstellung, um neue Blogs zu finden und meine Follower auf meine Lieblingsblogs aufmerksam zu machen. Wenn du Lust hast, schau einfach mal vorbei :)

    ohdiesemelancholie.blogspot.de

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  4. Nein, ich weiß das echt nicht denn ich denke das alle hier einfach sauer sind das ich in eine Klinik gehe wegen ein paar Kommentaren :(
    Und der Blog war privat also wie soll Ichs sagen ich hab gespürt das mein Körper schwach macht, hab ihn auf privat gestellt und ein paar Stunden später war ich auf der intensiv ist aber jetzt alles wieder gut soweit es jedenfalls gut sein kann und bin wieder zu Hause :)
    Und danke danke danke danke für deinen lieben Kommentar ! <3

    Ich bin zurzeit allerdings ziemlich im Stress, ich werde morgen beim Frisör wenn ich denn hindarf deinen Post mal lesen :)
    Hoffe das geht klar :*

    Bleib du auch stark, komme was wolle -du weißt ja man muss immer einmal mehr aufstehen wenn man gefallen ist <3

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