Mittwoch, 22. Januar 2014

»171«

Es fühlt sich so an als könnte ich nicht atmen. Als wäre alle Luft aus meiner Lunge verschwunden und hätte sich in Luft aufgelöst. Als hätte man mir einen Strick um den Hals gelegt und würde an beiden Enden ziehen. Die Luft, sie hat keine Chance. Sie kommt nicht in mich hinein. Sie will auch garnicht mehr. Sie sucht sich einen neuen Weg. Einen einfacheren. Natürlich hätte sie sich auch durch die Milimeter in meinem Hals quetschen und mir einen letzten Atemzug gewehren können, doch sie lässt es lieber. Denn es kostet zu viel Kraft, macht zu viel Arbeit und wäre ja letztenendes doch umsonst. So kann ich Cii irgendwie verstehen. Ich meine wer würde versuchen einen toten wieder zu beleben. Die Chanchen stehen eins zu eine Millionen das er jemals wieder aufwacht. Statt dessen nimmt man die Überreste und sperrt sie ein. Vergräbt sie tief unter der Erde, damit sie nie wieder herauf kommen. Das alles erinnert mich gerade schrecklich an M. Und ich habe einfach nichts mehr von ihr. Nichts. Kein altes verwaschenes T-Shirt mit dem letzten Tropfen ihres Geruchs und der Mischung aus ihrem Parfum und ihrem Shampoo. Kein Buch voll mit Randbemerkungen.  Nichts an dem ich mich festhalten könnte. Rein garnichts. Es kommt mir so vor als wäre sie ein kleiner flinker Fisch der auf der Suche nach der Unendlichkeit gefangen wurde. Den man eingesperrt und eben nie wieder frei gelassen hat. Da ist nichts greifbares. Ich fühle mich so als würde ich versuchen den kleinen Fisch mit bloßen Händen zu fangen und unter lauwarmem Wasser ab zu Spülen. Sie entgleitet mir. Das Leben es fällt tief mit ihr. Weit Weg. Die Bedeutung vom Leben war immer das es etwas größeres als das hier und jetzt gibt. Das es eine kleine Unendlichkeit von unglaublichen Momenten gibt. Das es irgendetwas gibt. Das doch irgendwie nie greifbar erschien. Uns zumindest nie. M. hat man verschluckt und irgendwo rein gesteckt, in irgendwas das sie bestimmt nie hätte sein wollte. Und mich? Mich hat man hier gelassen, die Innereien verbrannt und sie von liebsten Menschen auffressen lassen. Nun ist alles leer. Mein Körper besteht aus einer Leere die sich nicht füllen lässt. Mit nichts. Nicht mit Essen. Nicht mit Tee. Nicht mit Kippen. Nicht mit Rennen. Nicht mit lernen. Nicht mit Post's schreiben. Aber vor allem nicht mit schweigen obwohl das bekanntlich eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist, wenn ich den Moment entweder liebe oder hasse. Das schweigen und ich, ja wir sind so eine Art Hassliebe. Ich Hasse schweigen und ich liebe es. Und das schweigen selbst liebt sich natürlich auch. Es fühlt sich wohl wenn nichts die Stille durchdringt. Wenn alles ruhig und einsam ist, wenn ich einsam bin. Neben dem Gespräch mit der Lieben Lia, meiner Mom und einem "Hallo Dad" kamen in den letzten Tagen wirklich wenig Worte aus mir heraus. Schweigen ist genau wie schlafen. Einmal angefangen gibt man es nicht so schnell wieder her. Man steht nicht einfach auf und springt fröhlich durch die Gegend. Viele brauchen ein paar Minuten um überhaupt richtig wach zu werden. Um ehrlich zu sein bin ich auch irgendwie nicht richtig wach. Es kommt mir so vor, als wäre ich noch im Winterschlaf und habe einen ziemlich schlimmen Albtraum, der einfach nicht aufhört. Er macht keine Pause. Gibt mir keine Zeit um zwischen den schrillen Schreien, auch nur einmal Luft zu holen. 
Es hört nicht auf weh zu tun oder zu vermissen. Es wäre viel zu einfach wenn all der Schmerz einfach so abebben würde. Wenn es so wäre, als wäre nie etwas so gewesen. 





Kommentare:

  1. Diese Leere, die sich mit nichts füllen lässt und das Gefühl von ewigem Schlaf und sich in einer Hülle zu befinden kenne ich nur zu gut.
    Ich wünsche dir so sehr, dass es dir bald besser geht!
    Ganz viel liebe und Kraft an dich meine Süße ♥

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  2. :'( Dein Text hat kleine Tränen in meine Augen gesetzt. Nicht nur, weil ich mich in diesen Gefühlen so sehr wiedererkenne, sondern weil es mich auch so traurig macht, dass meine wundervolle Lee so traurig sein muss und so leidet. Ich wünschte so, niemand würde dir so weh tun. Ich wünschte so du müsstest nicht auch so sehr vermissen.. :(
    Weißt du was, mir fallen so viele Metapher-Verschönerungen zu deinem Text ein.. :) Aber das erste ist eigentlich gar keine Veränderung, denn du hast geschrieben: 'Als wäre alle Luft aus meiner Lunge verschwunden und hätte sich in Luft aufgelöst' und ich finde es schön, dass du das so formuliert hast, denn wenn sich die Luft in Luft auflöst ist da immernoch Luft :) Und du könntest vielleicht doch ein bisschen atmen. Und weißt du was, ich habe vor kurzem etwas gelesen von einem auf Wiederbelebung spezialisierten Arzt, der erklärt hat, dass die meisten Menschen, die sterben, viel zu früh aufgegeben werden und dass man viel viel länger Reannimieren müsste, als es die meisten Ärzte denken und man sehr viele der Sterbenden noch retten könnte, wenn sich mehr Ärzte und Sanitäter besser mit Wiederbelebung auskennen würden. Das heißt, auch wenn du jetzt denkst, man kann dich nicht wiederbeleben bin ich sicher, dass man es vielleicht doch noch kann :) Man muss es nur lange genug versuchen und darf dich nicht aufgeben. Und ich würde dich niemals aufgeben Süße :) Auf gar keinen Fall. Ich glaube an dich, an uns, daran dass wir beide irgendwann wieder glücklich sein werden. Natürlich kann man nach so langer Zeit nicht einfach wieder aufstehen und durch die Gegend springen. Aber ich glaube, dass es irgendwann wieder geht. Ich glaube ganz fest daran, irgendwann mit dir im Regen über Wiesen zu rennen, im Sommer auf warmem Asphalt zu liegen oder durch den Wald zu spazieren, mit langen schönen Gesprächen. :) Dinge, die irgendwie nach Leben schmecken :)
    Und das mit den Organen: Ich habe letztens eine Reportage gesehen über eine neue Methode an 'Spenderorgane' zu kommen. Sie ist noch nicht ausgereift, aber scheinbar vielversprechend. Dabei werden Membranen von Tierorganen komplett ausgespült und dann in nachgestellten Körper-Bedingungen mit den eigenen Zellen des Meschen gefüllt, der ein Organ braucht. Durch die Bedingungen spezialisieren sich die Zellen dann zu denen des benötigten Organs und kann dann irgendwann transplantiert werden. Wie gesagt, man hat es bisher nicht geschafft, das komplett hin zu kriegen, aber irgendwann geht es bestimmt und aus jedem winzigen Stückchen Lee könnten neue Lee-Organe werden, so dass du neue Organe haben könntest und weiter leben kannst, ganz egal, wie zerstört du dich im Moment fühlst. Weißt du Lee ist so viel, so unglaublich viel.. zu viel um sie zu begraben oder zu vergessen oder irgendetwas.
    Das mit M. tut mir so leid.. es tut mir so leid, dass du das erleben musstest. Einen lieben Menschen wegen einer so gemeinen Krankheit zu verlieren. Niemand sollte das erleben müssen.. Niemand sollte sterben, bevor er je ganz erwachsen werden konnte und erst recht nicht wegen einer psychischen Krankheit. Das ist so traurig und irgendwie ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft :(
    Ich hab dich so lieb Süße <3 Und ich wünsche dir so so sehr glücklich zu werden.
    Never give up :*
    Lia

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  3. Danke <3
    Ja, es tut mir sehr gut, dass sie momentan da ist... ♥
    Ich drücke dich ganz lieb ♥

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