Donnerstag, 16. Mai 2013

»54«

Früher konnte ich träumen. Jede Nacht, nachdem ich wieder ein neues Buch dessen Wörter ich heraus saugte und in mich hinein katapultierte nur um es, danach wieder zurück in die Spalte des Bücherregals zu seinen Artgenossen zu stellen. Dann habe ich mich immer ganz schnell unter meiner Decke verkrochen, die Augen geschlossen und die Geschichte weiter geträumt. Ich habe mir Dinge ausgemalt, die in Wirklichkeit niemals passieren konnten. Auf einmal wuchsen einem weißen Einhorn, dunkelgrüne Drachenflügel und es bekam Schluckauf. Vielleicht hatte ich schon damals eine viel zu große sicht der Dinge. Und heute, heute kann ich nicht mehr träumen. Habe das alles verlernt. Klappe das Buch zu und stelle es zurück ins Regal. Spiele eher mit dem Gedanken es noch ein zweites mal zu lesen, als mir selbst ein ende aus zu denken. Vielleicht weil meine Fantasie enden immer Glücklich waren. Niemand Starb allein, in einem Turm der von außen mit Rosen bewachsen ist. Niemand stach sich ein Auge beim Fechten aus und niemand war unglücklich. Irgendwann musste dann auch klein Lena anfangen der Wirklichkeit ins Auge zu blicken und ein sehen, dass nicht jede Story ein Happy End finden wird. Das jeden Tag Menschen allein und einsam sterben. Das jeder mal unglücklich ist. Das es keine Einhörner und Prinzen gibt. Das die Welt grau, kalt und leblos ist. Irgendwann musste ich das alles begreifen und seit dem habe ich träumen und leben zugleich verlernt. 



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